Aufwind

(eine Kurzgeschichte von Kirsten Nähle)

 

„Bist du sicher, dass du das wirklich willst?“ Du siehst mir in die Augen und ich lese darin die Hoffnung auf ein Nein.

 

Ich nicke. „Ja.“ Meine Stimme schwankt wie der Aufzug, der mich aus deinem Leben fährt.

 

„Nach zehn Jahren? Einfach so?“

 

Natürlich nicht einfach so, denke ich. Aber ich kann nicht mehr zurück. Mein Entschluss steht. Besser spät als nie.

 

Du senkst den Blick und zögerst, als ich den Aufzug verlasse, so als wolltest du mich zwingen wieder einzusteigen und zurückzufahren. In unsere Wohnung, die mir fremd geworden ist. Und zu eng. Nur habe ich es viel zu lange ignoriert.

 

Schließlich folgst du mir doch hinaus auf die Straße, zum Umzugswagen, in dem meine Eltern schon ungeduldig warten.

 

„Das war´s dann also.“ Du stehst da mit hängenden Schultern. „Vielleicht ist es ja besser so. Ein Neuanfang.“

 

Ich stimme dir schweigend zu. Ein neues Leben. Mehr Luft zum Atmen. Trotzdem glaube ich noch immer leicht zu schwanken. „Wir bleiben in Kontakt, ja?“, frage ich. „Schließlich bin ich nicht aus der Welt.“


„Na klar. Nur hunderte von Kilometern entfernt“, antwortest du mit einem Hauch von Sarkasmus, der in mein Herz sticht. Klar tut es weh, denke ich, das tut es immer. Und doch hast auch du nicht mehr um uns gekämpft. Hast dich weit von mir entfernt und mein Ich gleich mitgenommen.


Ich steige in den Wagen, ohne mich nochmal umzusehen, und schlucke die Tränen hinunter.


„Auf geht´s“, meint mein Vater. Der Motor brüllt auf. Es klingt wie ein Protest.

 

„Auf geht´s“, bestätige ich. Auf zu neuen Erlebnissen, neuen Erfahrungen, neuen Erkenntnissen.

 


Vor acht Jahren riss ich uns den Boden unter den Füßen weg, doch schau, wo wir jetzt stehen.

 

Du erzählst mir von deinem Leben in einem großen Haus, mit Frau und Sohn. Genau so, wie du es dir immer gewünscht hast und mit mir nicht haben konntest.

 

Und ich? Hatte Zeit, verborgene und neue Seiten an mir zu entdecken, die ich dir nicht zeigen wollte. Die du nicht verstanden hättest. Ich habe den Fuß in fremde Länder gesetzt und mir Flügel wachsen lassen. Kriege endlich wieder Luft und lasse mich von mir selbst tragen.

 

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