Der Weihnachtsprofi

(eine Kurzgeschichte von Kirsten Nähle)

 

Mit heißem Kopf stürmt Toby der Chefwichtel ins Büro des Weihnachtsmannes.
„Jedes Jahr wird es schlimmer“, schnauft er. „Immer mehr Geschenke. Diese verwöhnten Gören!“

 

„Hoho, Toby, ganz ruhig.“ Der Weihnachtsmann nimmt einen tiefen Zug aus seiner E-Zigarette. „Was ist denn los mit dir? Du wirkst leicht gestresst.“


„Leicht? Das ist die Untertreibung der Saison.“ Toby postiert sich vor dem Schreibtisch seines Chefs, dessen Rauschebart jedes Jahr länger und Bauch immer runder zu werden scheint. „Listen über Listen. Wahnwitzige Wünsche. Früher, ja, da reichten ein, zwei Geschenke. Bücher oder ein Schlafanzug … der Mensch war bescheiden.“


„Die Zeiten ändern sich“, murmelt der Weihnachtsmann durch seinen Bart.


Das muss er grad sagen, denkt sich der Wichtel. Seinen Look hat er noch nie geändert. Ganz zu schweigen von der Frisur. Nur seine Pfeife hat er gegen dieses alberne Metallstängelchen getauscht. Um trendy zu sein. So ein Nonsense.


„Hier, Boss.“ Er fuchtelt mit einem Zettel vor der Nase des Weihnachtsmannes herum. „Ich lese vor: eine Playstation, ein ferngesteuertes Auto,  ein iPhone, eine Lego Ritterburg … das ist der Wunschzettel EINES KINDES, nur EINES!“


„Hohoho, Toby, reg dich ab.“ Der Weihnachtsmann lehnt sich in seinem Sessel zurück und legt die Stiefel auf den Schreibtisch. „So haben wir eine Auswahl. Wir müssen ja nicht immer alles untern Baum legen.“


„Pah!“ Der Wichtel knallt den Zettel auf die Tischplatte. „Wenn es nur so wäre. Die Kids heute erwarten, dass all ihre Wünsche erfüllt werden. Darf ich dich an den Shitstorm letztes Jahr in den sozialen Netzwerken erinnern? Als knauserig hat uns die Jugend beschimpft. Unser Image hat gelitten. Immer mehr Kinder verlieren den Glauben an den Weihnachtsmann.“


„Na dann rutsch ich halt öfter durch den Kamin, um alles abzuliefern. Wo ist das Problem?“

 

Als würde der noch durch den Kamin passen, so wie der zugelegt hat. Toby verkneift sich ein spöttisches Grinsen. Sein Chef scheint den Ernst der Lage nicht zu begreifen. „Wo das Problem ist? Wir Wichtel schuften Tag und Nacht, ohne Pause, und kommen nicht hinterher. Vor allem die Verpackungswichtel sind am Ende ihrer Kräfte.“


„Stell mehr Leute ein.“


„Wir haben kein Budget, Chef.  Der Imageschaden hat wichtige Sponsoren wie Coca Cola abspringen lassen.“ Beschäftigt der sich nicht mit den Zahlen, fragt sich der Wichtel und schüttelt den Kopf. Entweder ist mein Chef zu bequem oder schon dement. Um alles muss ich mich selbst kümmern. „Was soll ich tun, Boss? Einige der Wichtel drohen schon mit Streik.“


„Mhmmm.“ Dem Weihnachtsmann entfährt ein Seufzer und über die Ränder seiner Brille wirft er ihm einen nachdenklichen Blick zu. „Ich verstehe. Was schlägst du vor?“

 

Toby starrt seinen Chef ungläubig an. Strategie und Personal liegen in deiner Verantwortung, denkt er, nicht in meiner.
„Äh, also, wir haben nur noch zwei Wochen bis Weihnachten. Vielleicht können ja die für die Rentiere zuständigen Wichtel beim Verpacken aushelfen.“


„Hoho!“ Der Weihnachtsmann haut mit der freien Hand auf die Tischplatte. Die andere Hand hält immer noch die nach Zimtsterne riechende E-Zigarette. „Das ist wohl nicht dein Ernst, Wichtel!“


„Nun ja, die Rentiere sind doch genug gestriegelt worden. Sie glänzen richtig.“


„Meine Rentiere brauchen Pflege und Zuneigung. Sie haben einen knallharten Job.“ Toby schluckt seinen Ärger hinunter. Der Weihnachtsmann hat den Tod seines Lieblingsrentiers Rudolf im Frühjahr wohl immer noch nicht verkraftet. „Ich will nicht noch eines meiner treuen Begleiter verlieren“, sagt dieser jetzt wie zur Bestätigung.


„Dann packen wir immer mehrere Geschenke zusammen. Das spart auch ein wenig Zeit“, schlägt Toby vor.


„Nein!“, poltert der Weihnachtsmann. „Wo bleibt denn da der Spaß für die Kinder? Und vor allem kriege ich die Riesenpakete dann nicht durch den Kamin. Und stell dir mal das Chaos vor, wenn aus Versehen Geschenke für unterschiedliche Kinder zusammengepackt werden. Nicht, dass es heißt, der Weihnachtsmann sei senil.“

 

Sein Chef steht auf und läuft zum Fenster. Starrt in die schneebedeckte Landschaft hinaus. „Wir haben doch Schneemänner!“, ruft er begeistert. „Die rekrutieren wir. Die müssen wir auch nicht bezahlen, denn die sind ja im Frühjahr eh wieder geschmolzen.“


Toby stöhnt. „Aber Chef, das haben wir vor fünf Jahren schon versucht. Da hat es zuletzt geschneit. Seitdem ist viel Zeit vergangen, wir müssten die Schneemänner komplett wieder einarbeiten, denn die haben einfach nix in der Rübe! Alles muss man ihnen fünfmal erklären.“

 

Der Weihnachtsmann läuft zurück zu seinem Sessel und lässt sich hineinplumpsen. „Dann brauchen wir einen Profi, jemanden, der sich mit Schneemännern auskennt.“ Ein Lächeln gräbt sich in seine roten Bäckchen. „Ruf den Osterhasen an! Der hat Eier schon oft im Schnee versteckt.“

 

 

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