Immer noch wir

(eine Kurzgeschichte von Kirsten Nähle)

 

„Erinnerst du dich, wie wir als Kinder immer zusammen auf dem Spielplatz waren?“

 

Ich muss lächeln bei deiner Frage. Dein Haar ist schneeweiß, unsere Kindheit eine Ewigkeit her, auch wenn es mir manchmal wie gestern vorkommst, als du unseren Platz auf der Schaukel gegen andere Kinder verteidigt hast. „Wie kommst du denn jetzt darauf?“

 

Du zuckst mit der Schulter, doch in deinen Augen blitzt der Schalk. Wie früher. „Ach, mir ist nur gerade eingefallen, dass wir einmal erst nach Hause kamen, als es schon dunkel war. Weißt du noch?“

 

Ich lache über das Bild, das die Erinnerung langsam in meinem Kopf zusammensetzt. „Mama hat sich ganz schön Sorgen gemacht.“

 

Du nickst. „Und Papa erst. Er war stinksauer.“

 

„Wirklich?“

 

„Klar. Die Ohrfeige habe ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen. Du warst noch klein, daher hab ich seine Wut abgekriegt.“

 

„Na ja.“ Ich zögere. „Du bist der Ältere und hattest die Aufgabe, auch mich aufzupassen.“ Aber Zeiten ändern sich, denke ich.

 

„Ich habe dich immer beschützt.“ Aus deiner Stimme spricht Selbstbewusstsein und Stolz. Beides habe ich lange nicht mehr von dir gehört. „Oder etwa nicht?“

 

„Doch, doch.“ Ich schmunzele. „Aber du hattest auch viel Unfug im Kopf, zu dem du mich angestiftet hast.“

 

„Ach“, wiegelst du ab. „Tu mal nicht so. Du hast deinem großen Bruder doch gern alles nachgemacht.“

 

Stimmt, denke ich. Du warst mein Held. „Es ist Zeit für das Abendessen.“ Ich erhebe mich, um in die Küche zu gehen.

 

„Ich habe keinen Hunger.“ Dein Protest klingt aufmüpfig, kindisch. Es heißt ja oft, dass wir im Alter wieder zu Kindern werden.

 

„Aber ich habe Hunger, und du solltest auch etwas zu dir nehmen.“ Heute bin eben ich die Erwachsene von uns beiden, denke ich. Wer hätte das gedacht?

 

Eine halbe Stunde später bist du eingeschlafen. Noch vor dem Essen. Das passiert dir häufig in letzter Zeit. Mir entfährt ein Seufzer. Ich setze mich mit meinem Teller neben dich. Dein Abendessen werde ich dann eben später in der Mikrowelle erhitzen.

 

Ich denke an die Schaukel auf dem Spielplatz. Wie du mir Schwung gegeben hast und wie hoch ich geflogen bin. Wie viel Energie du hattest. Und wie schwach du heute bist.

 

„Ich habe Hunger“, teilst du schlaftrunken mit, als du erwachst.

 

Schnell erwärme ich den Kartoffelbrei mit dem Gemüse. Die Medikamente habe ich auf deinen Wunsch schon untergemischt, sodass du sie nicht herausschmeckst.

 

Ich nehme etwas auf den Löffel und puste, bevor ich ihn dir hinhalte. „Hier. Aber iss langsam und kaue richtig.“

 

Du murrst, folgst aber meinem Rat. Als Kind bin ich dir gefolgt, jetzt hörst du auf mich. So ist das eben.

 

Mit Sorge betrachte ich die Reste auf deinem Teller. Du hast kaum die Hälfte geschafft.

 

„Lass uns zum Spielplatz gehen.“ Wieder blitzen deine Augen.

 

„Was willst du denn dort?“, wundere ich mich.

 

„Schaukeln.“

 

„Du kannst nicht mehr schaukeln.“

 

„Ist mir egal. Dann schaukelst du und ich schau zu.“

 

„Es ist kalt draußen, und es sieht nach Regen aus.“ Ich sage nicht laut, dass ich jedes Mal den Aufwand scheue, dich hinauszubringen.

 

„Es gibt Schirme. Außerdem sind wir nicht aus Zucker.“

 

Ein Lächeln umspielt meine Lippen. Ich liebe Schaukeln. „Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal geschaukelt bin.“ Geschweige denn auf einem Spielplatz war, füge ich in Gedanken hinzu.

 

„Eben. Zeit zu schaukeln“, sagst du. So wie in unserer Kindheit. So, wie große Brüder das eben bestimmen.

 

Ich hole deinen Rollstuhl. Es fällt mir täglich schwerer, dir hineinzuhelfen, obwohl du immer leichter wirst. Es dauert einige Minuten, bis du sitzt. Ich ziehe mir Regenmantel und Gummistiefel an. Allein die Vorfreude aufs Schaukeln sorgt für ein Kribbeln in meinem Bauch.

 

Ich schiebe dich nach draußen. Es regnet. Du kicherst wie ein kleiner Junge über die großen Tropfen.

 

Zwanzig Minuten später staunen wir: Es gibt ihn tatsächlich noch. Unseren Spielplatz. Zwar sind einige Spielgeräte ausgetauscht worden, aber unsere Schaukel steht da, wo sie schon immer stand.

 

„Zeit zu schaukeln. Los!“, rufst du, und für einen Moment fühle ich mich wieder wie eine Fünfjährige. Nur dass ich dir nicht hinterherrenne, sondern dich vor mir herschiebe.

 

Ich stelle dich neben das Schaukelgerüst, sodass du beste Sicht aufs Geschehen hast. „Ein bisschen albern komme ich mir ja schon vor in meinem Alter.“ Auch habe ich ein schlechtes Gewissen, weil du nicht mit schaukeln kannst.

 

„Ach Quatsch!“, wiegelst du ab. „Wer sitzt denn in dem Ding hier.“ Ausnahmsweise spricht aus dir nicht der Gram, sondern viel Selbstironie.

 

Ich steige auf die Schaukel und stoße mich ab.

 

„Beine vor und zurück“, feuerst du mich an. „Vor und zurück.“

 

Ich lache und schließe die Augen. Du hast mir damals das Schaukeln beigebracht. In diesem Moment fühlt es sich an wie früher. Und wir sind immer noch wir.

 

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