Textauszug aus Custus, der Beschützer:

 

Ich folgte den Anweisungen, bis ich vor einem kleinen asphaltlosen Weg mitten in einer grünen Zone voller Laubbäume stand. Laut Straßenkarte, die ich vom Hotel mitgenommen hatte, gab es hier nichts, aber das Navi zeigte an, dass ich am richtigen Ort angekommen war.
Ich sah mich um.
Es war nichts und niemand zu sehen, weder ein Auto noch eine Person.
Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf den kleinen Weg und fragte mich, wie weit ich diesen wohl laufen musste, um zur Klinik zu kommen, und ob er mich direkt zum Eingang führen würde.
Ich entschied den Wagen am Straßenrand zu parken. Der Bereich war so von Laub und Dickicht bedeckt, dass das Auto fast nicht mehr sichtbar war. Viele Journalisten könnten sich locker ein zusätzliches Einkommen als Privatdetektive verdienen.
Ich hatte mir bequeme Kleidung angezogen, Jeans, Wanderschuhe und eine Weste mit vielen kleinen Taschen. Außerdem hatte ich meinen gut gefüllten Rucksack dabei.
Ich machte mich auf den Weg, allerdings lief ich parallel zum Pfad, sodass ich unbemerkt durch die Vegetation vorankam.
Erleichtert atmete ich auf, als die Klinik in Sichtweite kam. Nach einem 20-minütigen Fußmarsch war ich schon kurz davor gewesen, zum Auto zurückzukehren. Nicht ein Fahrzeug war vorbeigekommen, weder in die eine noch in die andere Richtung.
Die Klinik, die von einem etwa zwei Meter hohen Drahtzaun umgeben war, war eine Art alte Luxusvilla mit weißer Fassade. Ein hellrot gepflasteter Weg führte bis zum Hauptportal, einem riesigen Halbkreis, der von vier Säulen ionischen Stils eingerahmt wurde. Die imposante Konstruktion erhob sich dominant über ein paar wunderschönen Gärten.
Ich näherte mich noch ein wenig und kniete mich ins Gebüsch.
Dann holte ich eine Kamera und ein Objektiv aus meinem Rucksack. Damit konnte man selbst aus vielen Kilometern Entfernung eine Fliege an einem Affenarsch erkennen. Normalerweise fotografiere ich nicht, da mich, wenn nötig, ein professioneller Fotograf begleitet, aber fast alle Journalisten können heute mit Kamera und Objektiv umgehen.
Ich fotografierte alle Ecken des Hauses und stellte fest, dass es für eine Rehaklinik sehr gut bewacht war. Viel zu gut. In jeder Ecke der Villa gab es Kameras und alle Viertelstunde liefen Sicherheitsleute durch die Gärten.
Außerdem hatten sie Dobermänner.
Er genügte schon, diese Hunde zu sehen, und es verging einem die Lust, auch nur einen Fuß in die Gärten zu setzen.
Eine Stunde lang sah man außer den Wächtern niemanden, der in die Klinik ein- oder ausging. Trotzdem gelang es mir, durch die großen Fenster hindurch ein paar Personen zu fotografieren, Männer in weißen Kitteln und andere in Zivilkleidung. Auch konnte ich Zimmer ausmachen, in denen junge Frauen lasen oder fernsahen.
Alles war sehr ruhig, aber ehrlich gesagt hatte ich auch nicht erwartet, hier Dr. Jekyll und Mr. Hyde zu treffen.


Zwei Stunden später, als die Sonne bereits langsam unterging, packte ich alles zusammen und richtete mich auf, um zum Auto zurückzukehren.
Plötzlich legte ein furchtbar lauter Alarm los und alle Lichter rund um die Villa gingen an. Ein Knacken im Metallzaun verriet mir, dass hier eine Art elektrischer Strom aktiviert worden war. Ein paar Sicherheitsleute rannten aus dem Gebäude und ließen die Hunde los, die sofort begannen, wild bellend durch die Gärten zu hetzen.
Instinktiv warf ich mich zu Boden. Ich war kurz vor einem Herzinfarkt.
Augrund der Distanz und des Gebüsches konnten sie mich unmöglich gesehen haben, aber vielleicht befand sich einer der Wächter bereits in meiner Nähe. Wenn er mich entdeckte und die anderen benachrichtigte, war ich verloren.
Die Schreie einer Frau holten mich aus meiner momentanen Schockstarre zurück.
Schnell nahm ich ein Fernglas aus meiner Tasche, hob ein wenig den Kopf und fokussierte in die Richtung, aus der die Stimmen kamen.
Ein Mädchen, so um die 25 Jahre alt, rannte vom Haus zum Zufahrtstor der Klinik. Es war im Nachthemd, barfuß und schrie um Hilfe. Noch bevor die junge Frau das Tor erreichen konnte, fielen die Hunde über sie her und rissen sie in Stücke. Sie waren noch nicht ganz fertig mit ihr, als einer der Wächter kam und dem Mädchen mit einem Kopfschuss den Rest gab. Der Anblick war schauerlich. Das Blut floss in Strömen aus ihrem zerfetzten Körper. Ich hielt mir eine Hand vor den Mund und versuchte den aufkommenden Brechreiz zu unterdrücken.
Der Alarm stoppte und ich wandte den Blick ab.
Nie zuvor hatte ich etwas so Furchtbares gesehen. Erstarrt vor Angst und Schrecken wagte ich es kaum zu atmen.


Ich weiß nicht genau, wie lange ich dort auf dem Boden lag, aber es war tiefste Nacht, als ich mein Auto erreichte und zurück zum Hotel fuhr.
Ich zitterte noch immer, als ich in meinem Zimmer ankam.  
Nach einer Dusche speicherte ich alle Fotos auf meinem Laptop. Leider hatte ich meine Kamera und das Objektiv zum Zeitpunkt des Vorfalls mit dem Mädchen bereits verstaut gehabt.
Mit meinem Wort alleine konnte ich nicht zur Polizei gehen. Ich würde mich nur zur Zielscheibe der Klinik machen, die bestimmt schon alle Spuren des Mordes beseitigt hatte.
Wer war dieses Mädchen gewesen und warum hatte sie ihr Leben riskiert, um aus der Klinik zu kommen?
Spätestens jetzt war klar, dass es sich nicht um eine Hilfseinrichtung für Jugendliche handelte.
Ich näherte mich meiner Zimmertür, um sicherzugehen, dass sie gut verschlossen war. Ich war immer noch zu Tode erschrocken.
Danach öffnete ich das Fenster und betrachtete die Lichter der Stadt in der Ferne.
Die frische Brise in meinem Gesicht beruhigte mich.
Ich setzte mich aufs Bett und begann, alle Fotos auf dem Bildschirm meines Laptops zu analysieren. Eines nach dem anderen, mehrmals. Bei einem hielt ich inne, da mir das Gesicht darauf bekannt vorkam.
Ich war sicher, es schon einmal gesehen zu haben.

Denk nach, Laura, denk nach. Ich schloss die Augen und versuchte mich zu konzentrieren.
Es handelte sich um einen dünnen Mann mit sehr weißer Haut und hellblonden Haaren. An die 50 Jahre. Er trug einen Anzug und sah nicht wie ein Arzt aus.
Ich vergrößerte sein Gesicht auf dem Bildschirm so weit es ging und holte die dicke Akte von Lohmental aus meiner Tasche. Nach einigen Seiten fand ich, was ich suchte: Einen Zeitungsartikel, den Johnny mir ausgedruckt hatte. Er handelte von den guten Zahlen des Konzerns, und auf einem Foto sah man neben Journalisten Lohmental mit einem Mann an seiner Seite. Obwohl es ein Schwarzweißbild war, erkannte ich ihn sofort. Ohne Zweifel war es dieselbe Person.

Leonard Schmidt. Laut Artikel war er sehr intelligent, hatte zwei Abschlüsse – in Jura und Wirtschaft – und war Vertrauensmann von Gerald Lohmental.
Anscheinend eine Koryphäe. Und zweifelsohne ein Mörder.

 

 

Alle Rechte liegen bei der Autorin Pilar Fernandez Rivas

 

 

Textauszug aus Es war einmal ... in Lateinamerika (Xolo erzählt mehr Geschichten):

 

Der Kondor und die Schäferin

 

In einer Gemeinde soll einmal ein Mann mit seiner Tochter gelebt haben. Das Mädchen hütete die Schafe, Lamas und andere Tiere. Jeden Tag kam ein elegant gekleideter junger Mann es besuchen.

Er trug einen schönen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und sogar einen Hut. Er besuchte die junge Frau täglich und sie wurden gute Freunde. Sie spielten alles Mögliche zusammen.

Eines Tages begannen sie Folgendes zusammen zu spielen: "Heb mich hoch, dann hebe ich dich hoch." So fingen sie also an zu spielen und der junge Mann hob die junge Frau hoch. Kaum hatte er sie hoch gehoben, bemerkte die Frau, dass sie flog.

Der junge Mann setzte die junge Frau in einer Nische in einer Bergschlucht ab. Dort verwandelte er sich in einen Kondor. ...

 

 

Alle Rechte liegen beim Autoren und Illustrator Fernando Juarez Sanchez