Leseproben

Leseprobe aus dem 1. Band meiner Würzburg-Krimi-Trilogie


Ich laufe, aber im Gegensatz zu den anderen werde ich nicht am Ziel ankommen.


Meine Beine fühlen sich an, als lägen sie in Ketten. Die Fußsohlen brennen. In den Waden spüre ich ein fast unerträgliches Ziehen. Hinzu kommt dieser heftige Wind, der mir bis auf die Knochen dringt.


Ich senke den Kopf und versuche, gleichmäßig zu atmen. Es fällt mir schwer, denn eine unsichtbare Hand hat sich mir um den Hals gelegt. Ich glaube zu ersticken.
Die Tränen, die ich seit Minuten zu unterdrücken versuche, fließen mir jetzt doch über die Wangen und trocknen im Wind. Ich laufe weiter, die Löwenbrücke hinauf. Die Menge jubelt. Es interessiert mich nicht.
Ich bin wütend. Vor allem auf mich selbst. Was habe ich mir damals nur gedacht? Verfluchtes Geld!


Ich lasse den Blick über die Menschen zu beiden Seiten der Brücke schweifen. Wo ist sie? Sie muss hier sein. Wenn nicht, laufe ich keinen Meter weiter, das schwöre ich.


Jetzt sehe ich sie. Meine Lisa. Ich bleibe stehen, versuche zu lächeln. Sie erwidert das Lächeln, winkt mir zu, ruft „Papa“. Die anderen Läufer ziehen an mir vorbei.
Jemand rempelt mich an, zischt mir ein „Lauf doch weiter, du Idiot“ zu.


Langsam setze ich mich wieder in Bewegung. Seitenstechen erinnert mich an meine Unsportlichkeit. Schlimmer ist der Schmerz, der sich durch die Füße bohrt. Mein Herz rast, und ich kriege kaum Luft.


Wie kann man nur freiwillig am Stadtlauf teilnehmen? Mehr als sechstausendsechshundert Starter sind es in diesem Jahr. Mir wird übel, bestimmt muss ich mich gleich übergeben. Meine Klamotten sind schweißnass, was nicht nur an der Anstrengung liegt.


Die Strecke am Mainufer entlang kommt mir endlos vor. Was wohl geschieht, wenn ich hier und jetzt einen Herzinfarkt erleide?


Da ist sie. Die Alte Mainbrücke. Nur noch wenige Schritte bis zu meinem Ende. Die Anfeuerungen der Zuschauer nehme ich gedämpft wahr. In meinen Ohren pocht es. Ich kann das nicht. Wie soll ich das durchziehen? Vielleicht spreche ich einen der Polizisten an? Nein. Das geht nicht. Ich habe es meiner Frau versprochen.


Keuchend bleibe ich stehen, alles dreht sich. Fast sprengt mir das Herz den zu engen Brustkorb. Ich schwanke, kämpfe mich trotzdem durch die Menge zu meiner Linken. Zur Statue des Nepomuk.

Ich stütze mich am Sockel des Heiligen ab und schlucke mehrmals, um die Magensäure, die meine Speiseröhre heraufkriecht, zurückzudrängen.
Schon bald ist mein Speichel aufgebraucht, der Mund trocken. In Erwartung des ersten Schwalls beuge ich mich nach vorn, und es dauert nicht lange, da drängt die saure Flüssigkeit durch Rachen und Mund aus mir heraus.


Niemand beachtet mich, alle Blicke sind auf die Läufer gerichtet.
Ich schaffe das. Es wird schnell vorüber sein. Ich atme tief ein, steige auf die Mauer und drehe mich um.


Jetzt erst sehen sie mich, zeigen auf mich und schreien. Einige von ihnen rennen in meine Richtung.


Ich schau auf zu Nepomuk, dann schließe ich die Augen.


Ein Mann ruft mir etwas zu. Egal. Ich bin bereit, für sie zu sterben.

 

Alle Rechte vorbehalten.

Leseprobe aus meiner Übersetzung des Thrillers Custus der spanischen Autorin Pilar Fernandez Rivas


Ich folgte den Anweisungen, bis ich vor einem kleinen asphaltlosen Weg mitten in einer grünen Zone voller Laubbäume stand. Laut Straßenkarte, die ich vom Hotel mitgenommen hatte, gab es hier nichts, aber das Navi zeigte an, dass ich am richtigen Ort angekommen war.


Ich sah mich um. Es war nichts und niemand zu sehen, weder ein Auto noch eine Person.
Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf den kleinen Weg und fragte mich, wie weit ich diesen wohl laufen musste, um zur Klinik zu kommen, und ob er mich direkt zum Eingang führen würde.


Ich entschied, den Wagen am Straßenrand zu parken. Der Bereich war so von Laub und Dickicht bedeckt, dass das Auto fast nicht mehr sichtbar war. Viele Journalisten könnten sich locker ein zusätzliches Einkommen als Privatdetektive verdienen.


Ich hatte mir bequeme Kleidung angezogen, Jeans, Wanderschuhe und eine Weste mit vielen kleinen Taschen. Außerdem hatte ich meinen gut gefüllten Rucksack dabei.


Ich machte mich auf den Weg, allerdings lief ich parallel zum Pfad, sodass ich unbemerkt durch die Vegetation vorankam.
Erleichtert atmete ich auf, als die Klinik in Sichtweite kam. Nach einem 20-minütigen Fußmarsch war ich schon kurz davor gewesen, zum Auto zurückzukehren. Nicht ein Fahrzeug war vorbeigekommen, weder in die eine noch in die andere Richtung.


Die Klinik, die von einem etwa zwei Meter hohen Drahtzaun umgeben war, war eine Art alte Luxusvilla mit weißer Fassade. Ein hellrot gepflasteter Weg führte bis zum Hauptportal, einem riesigen Halbkreis, der von vier Säulen ionischen Stils eingerahmt wurde. Die imposante Konstruktion erhob sich dominant über ein paar wunderschönen Gärten.


Ich näherte mich noch ein wenig und kniete mich ins Gebüsch. Dann holte ich eine Kamera und ein Objektiv aus meinem Rucksack. Damit konnte man selbst aus vielen Kilometern Entfernung eine Fliege an einem Affenarsch erkennen. Normalerweise fotografiere ich nicht, da mich, wenn nötig, ein professioneller Fotograf begleitet, aber fast alle Journalisten können heute mit Kamera und Objektiv umgehen.


Ich fotografierte alle Ecken des Hauses und stellte fest, dass es für eine Rehaklinik sehr gut bewacht war. Viel zu gut. In jeder Ecke der Villa gab es Kameras und alle Viertelstunde liefen Sicherheitsleute durch die Gärten. Außerdem hatten sie Dobermänner. Es genügte schon, diese Hunde zu sehen, und es verging einem die Lust, auch nur einen Fuß in die Gärten zu setzen.


Eine Stunde lang sah man außer den Wächtern niemanden, der in die Klinik ein- oder ausging. Trotzdem gelang es mir, durch die großen Fenster hindurch ein paar Personen zu fotografieren, Männer in weißen Kitteln und andere in Zivilkleidung. Auch konnte ich Zimmer ausmachen, in denen junge Frauen lasen oder fernsahen.
Alles war sehr ruhig, aber ehrlich gesagt hatte ich auch nicht erwartet, hier Dr. Jekyll und Mr. Hyde zu treffen.


Zwei Stunden später, als die Sonne bereits langsam unterging, packte ich alles zusammen und richtete mich auf, um zum Auto zurückzukehren.
Plötzlich legte ein furchtbar lauter Alarm los und alle Lichter rund um die Villa gingen an. Ein Knacken im Metallzaun verriet mir, dass hier eine Art elektrischer Strom aktiviert worden war. Ein paar Sicherheitsleute rannten aus dem Gebäude und ließen die Hunde los, die sofort begannen, wild bellend durch die Gärten zu hetzen.


Instinktiv warf ich mich zu Boden. Ich war kurz vor einem Herzinfarkt. Augrund der Distanz und des Gebüsches konnten sie mich unmöglich gesehen haben, aber vielleicht befand sich einer der Wächter bereits in meiner Nähe. Wenn er mich entdeckte und die anderen benachrichtigte, war ich verloren.


Die Schreie einer Frau holten mich aus meiner momentanen Schockstarre zurück.
Schnell nahm ich ein Fernglas aus meiner Tasche, hob ein wenig den Kopf und fokussierte in die Richtung, aus der die Stimmen kamen. Ein Mädchen, so um die 25 Jahre alt, rannte vom Haus zum Zufahrtstor der Klinik. Es war im Nachthemd, barfuß und schrie um Hilfe. Noch bevor die junge Frau das Tor erreichen konnte, fielen die Hunde über sie her und rissen sie in Stücke. Sie waren noch nicht ganz fertig mit ihr, als einer der Wächter kam und dem Mädchen mit einem Kopfschuss den Rest gab. Der Anblick war schauerlich. Das Blut floss in Strömen aus ihrem zerfetzten Körper.

 

Ich hielt mir eine Hand vor den Mund und versuchte den aufkommenden Brechreiz zu unterdrücken. Der Alarm stoppte und ich wandte den Blick ab.
Nie zuvor hatte ich etwas so Furchtbares gesehen. Erstarrt vor Angst und Schrecken wagte ich es kaum zu atmen.


Ich weiß nicht genau, wie lange ich dort auf dem Boden lag, aber es war tiefste Nacht, als ich mein Auto erreichte und zurück zum Hotel fuhr. Ich zitterte noch immer, als ich in meinem Zimmer ankam.  
Nach einer Dusche speicherte ich alle Fotos auf meinem Laptop. Leider hatte ich meine Kamera und das Objektiv zum Zeitpunkt des Vorfalls mit dem Mädchen bereits verstaut gehabt.


Mit meinem Wort alleine konnte ich nicht zur Polizei gehen. Ich würde mich nur zur Zielscheibe der Klinik machen, die bestimmt schon alle Spuren des Mordes beseitigt hatte.
Wer war dieses Mädchen gewesen und warum hatte sie ihr Leben riskiert, um aus der Klinik zu kommen?
Spätestens jetzt war klar, dass es sich nicht um eine Hilfseinrichtung für Jugendliche handelte.


Ich näherte mich meiner Zimmertür, um sicherzugehen, dass sie gut verschlossen war. Ich war immer noch zu Tode erschrocken. Danach öffnete ich das Fenster und betrachtete die Lichter der Stadt in der Ferne. Die frische Brise in meinem Gesicht beruhigte mich. Ich setzte mich aufs Bett und begann, alle Fotos auf dem Bildschirm meines Laptops zu analysieren. Eines nach dem anderen, mehrmals. Bei einem hielt ich inne, da mir das Gesicht darauf bekannt vorkam.


Ich war sicher, es schon einmal gesehen zu haben. Denk nach, Laura, denk nach. Ich schloss die Augen und versuchte mich zu konzentrieren.
Es handelte sich um einen dünnen Mann mit sehr weißer Haut und hellblonden Haaren. An die 50 Jahre. Er trug einen Anzug und sah nicht wie ein Arzt aus.

Ich vergrößerte sein Gesicht auf dem Bildschirm so weit es ging und holte die dicke Akte von Lohmental aus meiner Tasche. Nach einigen Seiten fand ich, was ich suchte: Einen Zeitungsartikel, den Johnny mir ausgedruckt hatte. Er handelte von den guten Zahlen des Konzerns, und auf einem Foto sah man neben Journalisten Lohmental mit einem Mann an seiner Seite. Obwohl es ein Schwarzweißbild war, erkannte ich ihn sofort. Ohne Zweifel war es dieselbe Person.

Leonard Schmidt.

 

Laut Artikel war er sehr intelligent, hatte zwei Abschlüsse – in Jura und Wirtschaft – und war Vertrauensmann von Gerald Lohmental.
Anscheinend eine Koryphäe. Und zweifelsohne ein Mörder.

 

Alle Rechte liegen bei der Autorin Pilar Fernandez Rivas